Montag, 3. März 2014

Geduld ist wie eine Harfensaite: irgendwann reisst sie.

Hallo Mama.

Nein, ich werde jetzt "das Thema" nicht wieder aufrollen, nicht weiter diskutieren.
Ich weiß ja wie sehr es Dir zuwider ist, eine Diskussion führen zu müssen, die Du selbst jedesmal wieder anfängst, weil Du mit Deinem so "umfassenden" Wissen über die Welt und insbesondere über Transsexualität es mal wieder besser weißt, 
was das Leben Deiner Tochter so zur Hölle macht.
(So leid es mir tut, den Sarkasmus hast Du Dir nach unserem Telefonat gerade eben redlich verdient.)

Ich will einfach nur etwas sagen, ohne, dass wir uns dabei minutenlang gegenseitig ins Wort fallen.


Du hast mich nach meinem Outing um Zeit gebeten, um Dich daran zu gewöhnen, dass Dein mittlerer "Sohn" in Wahrheit Deine Tochter ist.
Du hast gesagt (und ich habe es Dir lange geglaubt), dass Du mich akzeptierst so wie ich bin.
Aber mittlerweile sind fünfeinhalb Jahre vergangen, seitdem Du weist, dass ich eine Frau bin; 
fünfeinhalb Jahre, von denen ich mittlerweile 2 Jahre insgesamt als Frau lebe.

Das ist eine ganze Menge Zeit.

Und dennoch sprichst Du mich mit meinem männlichen Geburtsnamen an, während Du gleichzeitig sagst, 
dass Du mich verstehst und mich akzeptierst, 
womit Du in ein und dem selben Atemzug diese Behauptung aufstellst und sie gleichsam widerlegst.

Einmal (dürfte Sommer 2012 oder 2013 gewesen sein) habe ich Dir das mit dem Grundrespekt erklärt:

Indem mich der Staat einem Gesetz unterwirft, dass mich als Verrückte hinstellt 
("[Person, die sich] dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet [...] und unter
dem Zwang steht [...]" [§1Abs1 Transsexuellengesetz] bedeutet nichts anderes als "Mann, der glaubt eine Frau zu sein" 
was [ich habe mir das anwaltlich bestätigen lassen] bedeutet, dass mir der Staat unterstellt geistig krank zu sein.),
verweigert er mir den Respekt, der mir allein ob meines Menschseins schon qua Grundgesetz zusteht.
Und erst, wenn ich dieses von Entmündigung, Demütigung und Entwürdigung durchzogene Antragsverfahren
auf Vornamens- und Personenstandsänderung überlebt habe, werde ich vom Staat zumindest als Frau geduldet, 
wenn auch immer noch nicht anerkannt.

Indem Du Dich so verhältst, wie Du es mir gegenüber tust, verweigerst Du mir diesen Respekt ebenfalls.

Du hast das damals wie Du sagtest verstanden und gesagt, Du würdest darüber nachdenken.

Doch noch heute nennst Du mich noch immer bei diesem Namen, der nicht meiner ist, 
mit dem ich mich mein ganzes Leben lang noch nie identifizieren konnte
und sagst mir dann noch ins Gesicht, ICH solle MICH ändern, damit mir die Diskriminierung 
nicht mehr so wehtut, da ich ja schließlich die Menschen nicht ändern könne.

Damit verweigerst Du mir das Recht so zu sein wie ich bin und rammst dem einzigen Traum,
der mir noch geblieben ist (in der Politik auf eben diese Veränderung hinzuarbeiten, 
auch wenn mir absolut klar ist, dass ich die Früchte meiner Arbeit nicht mehr selbst genießen kann) ein Messer in den Rücken.

Ich bin es weis Eris gewohnt, das Politik kein Kindergeburtstag ist;
ich bin es weis Eris gewohnt, das sie ein Schlachtfeld ist und die Angriffe nicht selten
hinterrücks aus den eigenen Reihen kommen.
Aber dass selbst meine eigene Mutter mir immer wieder ihre Ignoranz ins Gesicht schlägt,
anstatt sich endlich mal mit der Realität auseinanderzusetzen, ist mehr, als ich auf Dauer verkraften kann.

"Geduld ist wie eine Harfensaite: irgendwann reisst sie." habe ich diese Mail betitelt
und genau das ist geschehen: mein Geduldsfaden ist gerissen.

Ich habe lange genug versucht, Dir zu erklären, was ich bin und wie ihr cisgeschlechtlichen Menschen
mit uns transgeschlechtlichen Menschen umspringt und habe mir lange genug Deine Ausflüchte, 
Deine Lebenserfahrung (die Dir NULL darüber verrät, wie diese Welt für Menschen wie mich ist) 
und Deine überhasteten Rückzüge (einfach auflegen wenn Dein Weltbild der Realität
mal wieder nicht standhalten konnte) angetan und jetzt bin ich sowohl mit meiner Geduld als auch mit meinem Latein am Ende.

Schon allein weil ich es meiner Würde schuldig bin (dem bisschen, das ich mir erkämpfen konnte), kann ich es Dir nicht weiter gestatten, meine Selbstachtung derart mit Füßen zu treten
und mir mit der Überheblichkeit eines Privilegierten "kluge Ratschläge" zu geben,
die zu nichts anderem gut sind, als um mir zu zeigen, dass Du mich weder verstehst noch wirklich verstehen willst.

Ja, Du bist meine geliebte Mutter und wirst es immer bleiben, aber es kann so einfach nicht mehr weiter gehen.
Deswegen lies das folgende bitte sehr genau, denn nochmal werde ich es weder sagen noch schreiben:

Du hast niemals einen Sohn namens [Deadname gelöscht] gehabt, auch wenn es lange den irrtümlichen Anschein hatte.
Dein zweites Kind ist die Tochter, die Du Dir früher einmal gewünscht hast und sie heißt Katrina.

Und entweder Du akzeptierst das endlich wenigstens im Ansatz, oder Du hast nur noch zwei Kinder,
denn ich werde niemals wieder auf meinen männlichen Geburtsamen reagieren.



Ich habe es bisher sehr bewusst vermieden, mich DERARTIG klar auszudrücken und Dich so unter Zugzwang zu setzen, weil ich mir absolut im klaren darüber bin, wie schwer das für Dich ist.
Doch auch meine Fähigkeit, Leid und Demütigung zu ertragen, hat ihre Grenzen.



In der Hoffnung, dass es Dir gelingt, zumindest damit zu beginnen, mich so zu akzeptieren, wie ich bin

Deine TOCHTER


Katrina