Samstag, 24. August 2013

Bilanz – oder: „Ragequits sind auch nicht das, was sie mal waren...“

tl;dr: Ich hab mir lange genug für nichts den Arsch aufgerissen, macht Euern Scheiß alleine.

Seit rund 1,84 Jahren bin ich nun Mitglied der Piratenpartei, eingetreten mit dem Ziel, die mir noch bleibende und dank einer immer schwerer werdenden Depression und sich gravierend verschlechternden Gesundheit immer knapper bemessenen Zeit darauf zu verwenden, das Leben anderer Menschen (insbesondere das transsexueller Menschen) durch meine Arbeit zu verbessern und gerechter zu machen, in dem Ansinnen, meinem eigenen Leben durch mein so geschaffenes Vermächtnis wenigstens posthum einen Sinn zu geben.

Vor dem Tod hatte ich niemals Angst (der holt uns alle früh genug), 
nur davor, sinn- oder gar nutzlos gelebt zu haben.

Deswegen gründete ich kaum ein Quartal nach meinem Eintritt die AG Transrecht, deren Aufgabe es sein sollte - neben Reaktionen auf aktuelles Tagesgeschehen mit Transbezug – Gesetzesentwürfe und andere Methoden zu erarbeiten, um die massive Diskriminierung von Transmenschen in Deutschland zu bekämpfen.

Ich habe mich dabei sehr bewusst bis zu Verausgabung eingebracht, da mir von vorneherein klar war, dass ich selbst nicht mehr davon profitieren würde – alles was ich erreichen wollte, sollte jenen, die nach mir kommen, den Weg ebnen; 15 Minutes of Fame und andere egoistische Motive habe ich stets für mich abgelehnt.

Doch was auch immer hinter den Kulissen der Realität unseren Weg bestimmt, lenkt, beeinflusst (oder was auch immer), scheint nicht nur nicht zu wollen, dass ich ein erfülltes Leben habe; offensichtlich ist es mir nicht einmal vergönnt, ein Leben zu führen, dass einen Zweck, einen Nutzen hat und auf das ich, wenn meine Zeit dann gekommen ist, mit Stolz und sonder Scham zurückblicken kann.

Meine Pechsträhne, die realistisch betrachtet qua eigener Transsexualität schon im Mutterleib begann, setzte sich sukzessive fort:

Die allermeisten Piraten, mit denen ich über das Thema Trans* sprach, hielten die AG Transrecht für eine sinnvolle und notwendige Sache und befürworteten mein und unser Engagement, doch „Dank“ mangelnder Beteiligung ist die AG Transrecht heute genau das, was die AG Transpirativ, ihre unmittelbare Vorgängerin, auch war, ehe wir aus ihr die AG Transrecht machten: ein (sprichwörtlich) ausgebranntes Wrack (2/3 von uns sind massiv burnoutgefährdet), für das sich so gut wie niemand ernsthaft interessiert und bei dem sich die Beteiligungswilligen so derart stapelten, dass wir ehrlich gesagt bereits seit Sommer'12 aus Mangel an Humanpower weitestgehend handlungsunfähig waren (wir sind noch zu dritt und ich bin das einzig noch aktive Gründungsmitglied).

Unterdessen zeigte die nordrhein-westfälische Basis auf der #AVPampa in #MeinarschHagen, dass Transfrauen, die „normale“ politische Themen behandeln, gerne gesehen sind, aber Transfrauen, die ihr Augenmerk auf Menschenrechte, auch transsexuelle Menschenrechte richten, nicht in ihrem Namen sprechen sollen.
Kurz gesagt: Die Kandidatenwahl auf der #AVPampa machte mir sehr deutlich klar, dass die Basis nicht WÜNSCHT, dass ich ihr auf die Weise diene, die ich am besten vermocht hätte.

Dass dann auf dem #Lptrop die Basis entschied, dass sie statt meiner im #LSG_Blume lieber einen Piraten sieht, der weniger Erfahrung mit der Materie hat und der – wie er mir selbst sagte – nur angetreten war, um einen bekannten Kölner Piraten aus dem LSG draussen zu halten, war dann der dritte Nagel im Sarg meiner politischen Aktionsfähigkeit.

Und während ich schon in den vergangenen Wochen mehr und mehr zu dem Schluss kam, dass ich nicht nur nichts erreiche, sondern auch, dass offenbar die Basis gar nicht will, dass ICH etwas erreiche (womit ihr ob gewollt oder nicht weit mehr katrinazentisches Denken beweist, als ich Euch jemals zugemutet hätte) und ich in Folge dessen immer mehr daran verzweifelte, ist heute das Fass nicht nur übergelaufen, sondern stattdessen förmlich explodiert.

Nein, niemand von Euch kann etwas dafür, dass bei meiner GamesCom-Karte eine Fehlbuchung auftrat; es kann auch keiner von Euch was dafür, dass mir das in meinem depressionsgebeutelten Wirrkopf erst auffiel, als mir das Lesegerät am Eingang mitteilte, dass meine Karte erst morgen gültig ist und es kann auch keiner was dafür, dass dieses „kleine Maleur“ bei mir einen weiteren schweren Nervenzusammenbruch auslöste, da dieser Tag nach einer langen Serie von Zusammenbrüchen eigentlich eine sehnsüchtig erwartete Verschnaufpause sein sollte und stattdessen zur Katastrophe wurde.
Nein, dafür kann niemand von Euch etwas.

Aber das Elend legte jetzt erst so richtig los.

Um nicht komplett überzuschnappen, begab ich mich zum Osteingang, um den Piratenstand mit aufzubauen, der um 0900 immer noch nicht stand. Den anwesenden Piraten teilte ich mit, was geschehen war und wie es mir damit ging und versuchte erst mal, so gut wie nur irgend möglich gute Miene zum bösen Spiel zu machen und mit mienem besten Sonntagsplastiklächeln Flyer unter die Menschen zu bringen und Fragen zu beantworten.

Aber nachdem ein nicht mal 20jähriger !Jung-CDUler! es schaffte, mich binnen Minuten argumentativ mit dem Rücken an die Wand zu diskutieren (weil ich einfach zu fertig war, um sauber zu argumentieren) und das noch dazu auf meinem eigenen Fachgebiet, setzte ich mich hin, um mit durch den inneren Kampf gegen den Nervenzusammenbruch getrübten Blick eine Kippe zu rauchen (zugegeben: drei und die in Kette) und irgendwie wieder klar zu kommen.

Doch anstatt dass die anwesenden Piraten sich in irgendeiner Weise um mein Wohlergehen gesorgt hätten, musste ich mir stattdessen in unerträglich jovial-zwangsfröhlichem Tonfall anhören, ich solle doch lächeln, so würden wir keine Flyer verteilt bekommen, woraufhin ich den Stand mit den Worten „Ich bin dann mal weg...“ verließ und mich einige Meter weiter auf eine Bank setzte, wo ich mit dem letzten bisschen Contenance versuchte, der tobenden Pein in meinem Innern Widerstand zu leisten, um nicht wo ich saß – eher kauerte - durchzudrehen und hysterisch heulend zusammen zu brechen.

Ich bin ganz ehrlich: von meiner Selbstbeherrschung, auf die ich (als ich noch als scheinbarer Mann lebte) wegen ihrer vulkaniermäßigen Unverwüstlichkeit sehr stolz war, war in diesem Moment kaum noch etwas übrig und obwohl ich schon seit Jahren die Fähigkeit zu weinen beinahe völlig an eine förmliche Heulblockade verloren habe, war mir sehr deutlich anzusehen, wie sehr ich um Fassung rang und wie krampfhaft ich gegen Tränen kämpfte.

Spätestens jetzt hätte ich eigentlich erwartet, dass zumindest IRGENDWER von den anwesenden Piraten zumindest mal fragt, ob alles in Ordnung ist.

Die Realität war dann doch sehr ernüchternd: es interessierte sich kein Schwein dafür.
Ich hätte durch den inneren Kampf das Bewusstsein verlieren, mit einem Kreislaufkoller hinterrücks von der Bank kippen oder einfach komplett kollabieren können, ich hätte nicht drauf wetten wollen, dass die Standbesatzung das mit mehr als einem abschätzigen Kopfschütteln kommentiert hätte. Wenn überhaupt.

Aber das ist nur der letzte Rest, der MIR den Rest gab, denn ich habe ganz obviöslich versagt und das auf ganzer Linie:

Nüchtern betrachtet bildet meine gesamte Piratenparteimitgliedschaft eine – mathematisch betrachtet sicher wunderschöne – Kurve und zwar steil nach unten.
Damit ist jetzt ein Punkt erreicht, an dem ich einfach keine Kraft mehr habe, um etwas anderes zu tun, als die Notbremse zu ziehen.

Oder um es mit Martin Luther zu sagen: 

„Nun lieg' ich hier (am Boden, im Dreck, sucht Euch was aus) und kann nicht anders.“

Mein ganzes Leben lang habe ich um jedes Quäntchen Anerkennung, um jedes bisschen Wohlergehen kämpfen müssen, habe mir alles in meiner Macht stehende unternommen, um meinem Leben einen Sinn zu geben, vorzugsweise einen, von dem auch andere Menschen profitieren.

Ob als Clanmutti, als Schulter zum Ausheulen, als verschwiegener Kummerkasten, als Ratgeberin, als unparteiische (Ersatz-)Schiedsrichterin, als Moderatorin, als unerschrockene Kämpferin oder sogar Laien-Kriseninterventionstherapeutin, stets habe ich versucht, für andere da zu sein und diese Welt wenigstens ein bisschen besser zu machen.

Aber nachdem die Basis nicht nur nicht wünscht, dass ich ihr diene, sondern es ihr augenscheinlich sogar völlig egal ist, wenn ich qualvoll vor mich hin zu Grunde gehe, habe ich hierofüro die Schnauze voll.

Wenn das der Dank für meinen Altruismus ist, verzichte ich fürderhin darauf.

Jemand sagte vor vielen Jahren einmal zu mir, dass bei der Abwägung zwischen Egoismus und Altruismus der Egoismus immer eine Spur besser abschneiden müsse, damit Mensch nicht innerlich zerbricht.

Bisher habe ich mich – in dem eingangs erwähnten Wunsch, etwas von Wert zu hinterlassen – bewusst darüber hinweg gesetzt, habe vorsätzlich in Kauf genommen, das meine Zeit sehr viel schneller abläuft, als wenn ich in purem Egoismus nur die eigenen Belange priorisiere.
Bisher habe ich „ein gutes Leben geführt haben“ nicht daran gemessen, was mensch am Ende sihrer Zeit an Besitz oder Verdiensten angehäuft hat, sondern daran, was sier Zeit Lebens getan hat, das auch anderen Menschen etwas bringt.

So klischeehaft es klingen mag, hatte ich im Geiste der aus Star Trek bekannten Föderation (mein moralischer Leitstrahl seit Kindertagen) stets das Wohl der Allgemeinheit im Sinn, sogar trotzdem mich diese so ziemlich die meisten Höllen durchleben ließ, die Mobbing und Psychokrieg in einer im Kern so sensiblen Seele wie der meinen verursachen.
Trotzdem ich mein Leben lang zum Teil sprichwörtlich bespuckt und mit Füßen getreten wurde, war ich meinem Volk, den menschlichen Bewohnern Terras, stehts loyal gesinnt und an dessen Wohl interessiert.

Nur so konnte es kommen, dass ich selbst dann anderen die Schulter zum Trost bot, wenn ich selbst sie eigentlich viel dringender gebraucht hätte; nur so konnte ich selbst dann noch für andere da sein, wenn mir das Wasser mal wieder bis zum Hals stand; nur so konnte ich selbstt dann noch Händchen halten, wenn ich gerade von meinen eigenen Problemen unter Wasser gezogen wurde.

Aber das ist hiermit vorbei. Aus die Maus. Finito.
Das habt zumindest Ihr Piraten verspielt.


Da Ihr mich nicht nur nicht braucht, sondern ich Euch offenbar stattdessen sogar völlig gleichgültig, wenn nicht sogar womöglich lästig bin, derofüro ich mich bei den Piraten endgültig nicht mehr willkommen fühle, ist damit jetzt Schluss.

Ihr habt Euch Inklusion von Minderheiten auf Eure Fahnen geschrieben, die Anerkennung der Menschenrechte von Minderheiten, derer ich gleich mehreren angehöre, doch meine Versuche, diesem Credo gerecht zu werden habt Ihr – bis auf seeeehr wenige Ausnahmen, deren Existenz ich der Fairness halber nicht verschweigen möchte – durch Nichtbeteiligung, Stimmverhalten und schlichte Ignoranz torpediert.

Und auch wenn ich mich viele Monate dagegen gewehrt habe, nach immer neuen Möglichkeiten gesucht habe, wenigstens irgendeinen Nutzen zu erbringen, kann ich nun einfach nicht mehr anders.

Ich habe lange genug und garantiert auch hart genug für die meine Ziele gekämpft, dass KEINE(R) von Euch das Recht hat, mir #mimimi vorzuwerfen, aber ich habe mich lange genug mit Sun Zu, Napoleon, Rommel und anderen Militärtaktikern beschäftigt um zu erkennen, wann eine Schlacht so dermaßen gründlich verloren ist, dass selbst Pyrrhus höchstpersönlich nichts mehr dabei herausschlagen könnte und mache somit das einzige Manöver, was mir noch geblieben ist: 

Ich mache jetzt das mit dem strategischen Rückzug.

Mit zertrümmerter Panzerung, brennenden Triebwerken und einem kilometerlangen Trümmerschweif hinter meinem Heck verlasse ich nun das Schlachtfeld.

Mit sofortiger Wirkung trete ich aus der Piratenpartei Deutschland und dem Landesverband Nordrhein-Westfalen aus und trete als Koordinatorin der AGn Transrecht und Zeitreisen zurück, auch wenn mir absolut klar ist, dass ich beiden AGn damit den endgültigen Todesstoß versetze.
(Es war zwar meine Entscheidung, aber eine Wahl hatte ich letztendlich nicht mehr.)

Und da die Piratenpartei garantiert keine Verwendung für ein Parteibuch mit einem ohnehin (qua Vornamensänderung) nicht mehr gültigen Namen hat, nehme ich mir hiermit die Freiheit, es heute Nacht beim Genuss einer Flasche Rum zu verbrennen, in der Hoffnung, dass die Alkoholvergiftung mich umbringt und mir weitere Qualen erspart.


Tut jetzt BITTE nicht so, als wärt Ihr plötzlich um mich besorgt, das bin ich sowieso nicht mehr bereit zu glauben und so viel Glück, dass das klappen würde, habe ich eh nicht; ich werde mein Leben auch morgen noch ertragen müssen.

Seht es einfach positiv: Fürderhin müsst IHR MICH nicht mehr ertragen.


Ein letztes Mal grüße ich Euch, als Eure scheidende und - wie sich schlussendlich zeigte - doch nur scheinbare Schwester im Geiste.

Nicht mehr die Eure

Katrina Seqmet Rosenrot Reichert, 
ehemals Mitglied Nummer 20690


P.S.: Jede(r) von Euch, dier ich doch noch etwas bedeute, ist herzlich eingeladen, den Kontakt zu mir zu halten, auch wenn ich (um herauszufinden, wer das ist) mich von mir aus vorerst nicht mehr melden werde.

P.P.S.: Versucht es mir BITTE nicht auszureden. Das ist KEINE Kurzschlusshandlung, sondern eine Überladung, die lange Zeit hatte sich zu bilden und die heute endgültig kulminiert und explodiert ist. 
Wenn ich eins nicht leiden kann, so sind es Mitleidsfoo und Beschwichtigungsversuche.
Ich war Euch bisher egal, also ändert das nicht, indem Ihr mich mit so etwas behelligt.

P.P.P.S.: Wenn schon nichts anderes, so habe ich in meinem Leben immerhin wenigstens eines erreicht, was mir auch keine(r) mehr nehmen kann:
Ich habe es geschafft, selbst unter den Aussenseitern der Aussenseiter zur Aussenseiterin zu werden.
Na allerherzlichsten Dank auch. NOT.