Samstag, 17. März 2012

Transsexualität und Medien, von Missverständnissen und Affekthandlungen

ein offener Brief an @Dorobaer

Hallo @Dorobaer,

wie viele andere habe ich per Stream die zweite Netzkonferenz der CSU mitverfolgt, habe die dort vertretenen Meinungen vernommen und meine eigene weiterentwickelt.
Bis zu dem Punkt, an dem Du sagtest:

"Kommen wir nun zu dem Mann, der eigentlich eine Frau sein wollte."

Du bezogst das eigentlich darauf, dass Du eine Frau aufgerufen hattest und ein Mann statt ihrer ans Mikrophon trat.

Bei mir indes blieb für einen ewig kurzen Moment die Zeit stehen, der Puls begann zu rasen, das Blut zu kochen und ohne nachzudenken schrieb ich auf Twitter:

"[Wortzitat] Unüberlegtes Transenbashing aufdem #csunk2? Kann jemand dieser Schlampe das Maul stopfen?"

Was war da geschehen?

Was führte dazu, dass ich entgegen meiner sonst so überlegten Wortwahl Niveau und Benimm fahren und mich derartig gehen ließ?


Die Situation transsexueller Menschen in Deutschland ist angespannt, um es milde auszudrücken. Von den Menschen gemieden, von den Medien verspottetund von Staatsmachts Wegen zu menschenunwürdigster Demütigung gezwungen existieren unsere Menschenrechte nur auf extrem geduldigem Papier und unsere Menschenwürde ist nur ein Konjunktiv. In Deutschland leben ist - da gibt es nichts zu beschönigen - für Transsexuelle in aller Regel eine Folter, die ich meinem ärgsten Feind nicht zumutenwürde.

Als Menschenrechtspolitikerin mit Schwerpunkt auf den Belangen Transsexueller und als unmittelbar Betroffene mit einer ungewöhnlich Widernisreichen Vita istmir dieses Leid erheblich näher als mensch zunächst vermuten würde und so liegen gerade in letzter Zeit - erst recht bedingt durch den unerwarteten Wahlkampf in NRW - bei mir zahllose Nerven blank.

Nur so kann ich mir meine verbale Entgleisung erklären.

Dessen ungeachtet rechtfertigt das nichts.
Selbst die Rechtschaffenheit meiner Empörung angesichts einer vermeintlichen Geringschätzung Transsexuellergab mir nicht das Recht, Dichauf solch persönlicher Ebene anzugreifen.

Daher möchte ich Dich abermals - dieses Mal in angemessenerer Form als per Twitter - um Entschuldigung bitten und mein bei meiner Twitterentschuldigung formuliertes Anliegen bestärken:

Lass uns in einen offenen, sachlichen Dialog treten, um die Politik für die Probleme Transsexueller zu sensibilisieren und die Betroffenen - so auch mich - gegen Missverständnisse wie das gestrige zu desensibilisieren, um somit fürderhin ein harmonischeres Zusammenleben für uns alle zu ermöglichen, sonder unangemessener Verletzung einzelner oder von Minderheiten.

Ferner lade ich Dich herzlich ein, diesen Dialog durch eine direkte Antwort hier zu beginnen.

In Hoffnung auf einen Konsens

Mit freundlichen Grüßen



Katrina Reichert