Sonntag, 26. Februar 2012

Die Mär vom Klarnamen

Ganz offenscheinlich ist die Landesmitgliederversammlung der Piraten in Berlin gerade dabei über eine "Klarnamenspflicht" abzustimmen (während ich das hier schreibe, haben sie zum Glück dagegen gestimmt, aber das ist kein Grund, diesen Post nicht zu beenden).
Wie genau und in welchem Zusammenhang weiß kaum einer, ich werde es die Tage vermutlich in der Timeline von @muschileaks lesen.

Aber schauen wir uns doch mal an, was eine Klarnamenspflicht denn nun genau bedeutet.

Einige werden sicher sagen: "Klarnamen sind doch toll, da muss jeder zu dem stehen, was er tut."
Klingt prinzipiell doch gar nicht mal übel, oder?
Aber dann fragen wir uns doch mal, warum es geheime Wahlen gibt.
Genau! Damit man nicht weiß, wer wen oder was gewählt hat.
Um Repressionen zu vermeiden.

"Du Arsch hast den XY gewählt, dafür gibt's was auf die Kauleiste!" "Ach, Sie sind also für die Aufhebung der Vorratsdatenspeicherung?" ...und schwupps ist die Demokratie am Arsch.

Niemand wird sich mehr trauen, eine Meinung zu vertreten, die NICHT mit dem Mainstream konform geht. Aus Angst vor Unterdrückung wird jedermensch die Massen"meinung" nachplappern und mir-nichts-Dir-nichts sind wir alle wunderbar gleichgeschaltet. Doppelplusgut, nicht wahr?

Dabei bin ich noch gar nicht fertig.

Wenden wir uns einen Moment lang von Demokratieerfordernissen ab und fragen uns, warum jemand etwas unter Pseudonym (ich bevorzuge eher den Begriff "Autonym", selbst gegebener Name, bezeichnenderweise verlinkt Wikipedia völlig an der Realität vorbei von Autonym zu Xenonym) veröffentlichen wollen könnte, warum also jemand etwas sagen wollen könnte, ohne dabei seine Identität auf dem Silbertablett vor sich her zu tragen:

- Homo-, Trans- und Intersexuelle, die für ihre Rechte kämpfen,
- Vergewaltigungsopfer, die online Hilfe suchen und sich zu sehr schämen, um sich zu outen,
- Scientologygegner (mit Anonymous als Paradebeispiel)

Nur um einige zu nennen. Na? Was gemerkt?

Wer schonmal einen Schlägertrupp der NPD vor der Tür stehen hatte, weil er im Netz gegen rechtes Gedankengut protestiert und sich dummerweise an die in Deutschland bestehende Impressumspflicht gehalten hat, wird bestimmt verstehen, was ich meine.

Aber schauen wir uns doch mal dieses Konzept des Klarnamens genauer an.

Da ist mensch schon auf die Welt gekommen, ohne vorher gefragt worden zu sein,
ob er/sie/eichhörnchen nicht zufällig gerade was besseres vor hat und bekommt dann einen Namen. In der Regel den Familiennamen des Vaters und einen Vornamen, den einem die Eltern aussuchen. Dieser Name wird einem von außen aufgebappt, wie ein Aufkleber, der NICHTS über den tatsächlichen Inhalt aussagt. 
Die meisten Menschen identifizieren sich mit diesem Namen, einfach weil sie es nicht anders kennen oder weil es keinen Grund gibt der dagegen spricht.
Viele jedoch fühlen sich durch den ihnen aufgezwungenen Namen nicht richtig getroffen.
"Dieser Name beschreibt nicht, wer ich bin." "Ich bin XY, aber meine Freunde nennen mich Z."

Der angeblich so klare Name sagt also nichts darüber aus, wen mensch wirklich vor sich hat.

Zu allem Überfluss sind wir bis auf wenige Ausnahmen bis zum Ende unseres Lebens und darüber hinaus mit diesem Namen bezeichnet, nicht selten sogar stigmatisiert. Einer amtlichen Namensänderung stehen zahlreiche nicht zuletzt auch finanzielle Hürden im Weg, transsexuelle Menschen müssen sogar via Richter und Gutachter darum betteln und der Bureaukratie zu Kreuze kriechen, um ihren Namen gegen einen angemesseneren, sprich geschlechtskonformen Namen einzutauschen. Wir sind NICHT Besitzer unseres Namens, haben de facto so gut wie keine Verfügungsgewalt darüber.

Der Klarname dient also nur dazu, uns festzunageln, uns zu finden, egal ob wir wollen oder nicht.
Über uns als Mensch sagt er in den allermeisten Fällen überhaupt nichts aus.

Was sagt uns das über Leute, die (ob nun im Netz oder bei Wahlen) eine Klarnamenspflicht fordern?

Richtig. Denen geht es nicht darum, wer wir wirklich sind, sondern nur darum, uns finden zu können, um uns repressieren zu können. Wer sich nun wirklich hinter unserem Klarnamen verbirgt, ist ihnen also völlig gleichgültig. Denn solche Leute wollen nicht wissen, wer wir wirklich sind, in aller Regel geht es ihnen nur  darum, unsere ihnen nicht genehme Meinung durch Repression unterdrücken zu können.
Alle Bullshit-AllergikerInnen bitte einmal kräftig niesen.

Daher ist es für eine wirklich funktionierende Demokratie, für eine wirklich funktionierende Gesellschaft zwingend notwendig, die Namensmündigkeit einzuführen und als Menschenrecht anzuerkennen.
Genauso, wie mensch ab einem gewissen Alter wahlmündig und religionsmündig wird, in diesen Bereichen also ein Entscheidungsrecht hat, muss es auch möglich sein, den eigenen Namen anzupassen.

Daher fordere ich ein Recht auf Autonymmündigkeit!
Gebt uns die Macht über unsere Namen wieder, damit sie endlich für uns stehen, anstatt uns nur zu bezeichnen!

Und lasst diesen Quatsch mit der Klarnamenspflicht... das ist sowas von 1984...

Mittwoch, 22. Februar 2012

Vor nicht einmal zwei Wochen machte ich einen gar schröcklichen Fehler, ich kündigte an,
bei 150 Followern ein Blog zu eröffnen.

Jetzt ist es soweit, Ihr habt es scheinbar nicht anders gewollt.

Einhundertundfünfzigplus Frauen, Männer, Eichhörnchen und kleine grüne Wesen von Alpha Centauri bekommen jedesmal ein  PIEPS, wenn ich auf "Tweet" drücke und jetzt wollt Ihr meine Meinung auch noch in mehr als 140 Zeichen ertragen. Und das in solch turbulenten Zeiten.

Gauck wird zum Bundespräsidenten gekrönt, das Bankzinsenluder - Verzeihung - die Bundeskanzlerin tischt uns einen Whopper nach dem nächsten auf, Fefes Block blockt Fefe und die Piratenpartei (insbesondere mein "Lieblings"landesverband Berlin) haut sich intern gegenseitig nach Kräften die Hucke voll.

Da hab ich mir ja was eingebrockt... Na schön. Dann mach ich halt ein Blog.
(Lasst Euch nur nicht vom Titel irritieren, ich hatte niemals damit gerechnet, auch nur 50 geschweige denn 150 Follower zu bekommen und war daher ein wenig überrascht; in der Eile ist mir einfach nix dümmeres eingefallen.)


Wir schreiben also das Jahr 2012. Ziemlich weit weg vom Mittelalter könnte man meinen, doch der Anschein trügt.
Auch heute noch sind Menschenrechte etwas, was in der Republik lediglich einer großen Mehrheit zumindest weitestgehend und ebenfalls nur dem Anschein nach gewährt wird.
Aber um die Belange der Mehrheit geht es mir nicht.
Mir geht es um eine kleine Minderheit der Transsexuellen.

Jeder von Euch hat schon vieles über uns gehört, BILD und RTL2 schlagen sich alle paar Wochen wieder darum, wer die schrägste Transe gebasht hat und selbst die "Wissenschaft" erzählt Tag für Tag immer die selben Lügen über uns.
"Männer, die Glauben, eine Frau zu sein" (und umgekehrt), "Sie war mal ein Er" und etliche weitere solcher Unsinnigkeiten bekommt Ihr allenthalben zu lesen.
Sowohl Teile der Wissenschaft, als auch der Politiker und im Grunde sämtliche Medien verletzen tagtäglich unsere Menschenrechte und machen uns zu Menschen zweiter oder gar dritter Klasse.

Dieses Blog wird Teil meiner Versuche sein, diesen menschenverachtenden Wahn zu stoppen (was nicht heißt, dass ich nicht auch andere Themen bearbeiten werde, Transsexualität ist einfach nur mein MajorPlot).

Auf an's Werk!